Die faszinierende Welt der Neuroplastizität: Wie das Gehirn sich verändert und wächst.

von Ilona Gotz I 05.04.2024

Neuroplastizität – ein Begriff, der die unglaubliche Fähigkeit unseres Gehirns beschreibt, sich ständig zu verändern und anzupassen. In diesem Blogeintrag werde ich die Grundlagen der Neuroplastizität erkunden, ihre Bedeutung für unser tägliches Leben verstehen und Ihnen sagen, wie wir sie nutzen können, um unser Gehirn zu stärken und weiterzuentwickeln.

Entgegen der weitverbreiteten Auffassung, dass unsere Fähigkeiten in erster Linie angeboren sind, hat die Gehirnforschung in den letzten Jahren herausgefunden – mit dem Aufkommen der Epigenetik (der Wissenschaft von der flexiblen Nutzung der Geninformationen) sowie den bildgebenden Verfahren in der Gehirnforschung MRT, CT und nuklearmedizinische Verfahren, dass die Entwicklung unserer Fähigkeiten zu einem wesentlichen Teil von den frühkindlichen Erfahrungen abhängen. Von Erfahrungen, die wir als Kind machen. Unsere Kindheitserfahrungen sowie unsere Strategien, die wir daraus entwickeln, brennen sich bildlich gesprochen direkt in unsere Gehirnstruktur ein.

Die schlechte Nachricht: Wenn wir unter emotional schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind, formen diese – und somit auch unsere Überlebensstrategien – direkt unsere Gehirnstruktur. Da es besonders in den ersten Lebensjahren leicht formbar ist, hat auch chronischer Stress in der Kindheit Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung: Es kann zu Beeinträchtigungen der Sinnesverarbeitung, der Impulskontrolle, der Stressregulation, der Konzentrationsfähigkeit und der Selbstwahrnehmung führen. Diese Fähigkeiten können sich oft dann nicht optimal entwickeln.

Die gute Nachricht dabei ist, dass unsere neuronalen Verschaltungen im Gehirn und somit auch unsere Programme viel flexibler sind. Sie sind somit auch in weitaus größerem Maß veränderbar als bisher angenommen. Das heißt auch im Erwachsenenalter können wir diese Fähigkeiten nachentwickeln. Das ist gut.

Damit sich die Verschaltungen im Gehirn und somit unsere Fähigkeiten in der Weise ausprägen, dass wir ein erfülltes und glückliches Leben führen können, brauchen wir als Kind vor allem Sicherheit. Geborgenheit, emotionale Zuwendung sowie Anregung und Erkundungsmöglichkeiten sind ebenso von großer Bedeutung. Das bedeutet in der Konsequenz, dass nicht unsere fehlerhafte Biochemie im Gehirn die Ursache psychischer Krankheitssymptome ist. Die Nichterfüllung der Bedürfnisse als Kind, das anschließende Wegdrücken der Bedürfnisse durch uns selbst und unsere schambasierten Identifikationen sind verantwortlich. Identifikationen, die wir in all dem entwickelt haben, was wiederum auf unsere biochemischen Verschaltungen wirkt.

Wenn wir uns dann als Erwachsene mit unseren Überlebensstrategien auseinandersetzen, ist es wiederum möglich, auch unsere neuronalen Verschaltungen so zu verändern, dass wir schließlich ein glückliches und erfülltes Leben führen können. Unser Gehirn entwickelt vor allem die Fähigkeiten und damit verbunden Verschaltungen, die wir aufgrund unserer Erfahrungen besonders häufig brauchten.
Es kann sein, dass wir beispielweise als Kind gelernt haben, dass wir in dieser Welt nicht sicher sind und anderen Menschen nicht trauen können. Die Ursache kann sein, dass unsere Eltern uns kein grundlegendes Gefühl von Sicherheit und Aufgehobensein vermitteln konnten. So sind dann besonders die Verschaltungen in unserem Gehirn entwickelt, die uns befähigen, eine innere Habachtstellung einzunehmen. Es folgen Gefühle der Angst und des Misstrauens. Das heißt, unser Gehirn hat gelernt: „In dieser Welt ist es für mein Überleben wichtig, das ich misstrauisch bin.“ Somit prägt sich die Fähigkeit, mit Misstrauen zu reagieren, in unserem Gehirn besonders stark aus. Sie wird zu einer Überlebensstrategie. Das ist hinsichtlich dessen, was wir als erlebt haben, das Beste, was uns möglich war. Auch dann, wenn diese Überlebensstrategie uns im weiteren Leben im Weg steht.

 

Hier wird deutlich, dass nicht nur die Erfahrungen an sich die wir als Kind machen, im Gehirn
gespeichert werden. Auch, vor allem die damit verbundenen Strategien, Fähigkeiten und
Glaubenssätze, wie beispielweise: „Diese Welt ist nicht vertrauenswürdig.“ Besonders am Anfang unserer Entwicklung versucht unser Gehirn Gesetzmäßigkeiten über das Leben herauszufinden. Wir sollen in Zukunft effektiv und schnell reagieren können. Es ist nicht gut, wenn wir in jeder Situation erst lange überlegen müssen. Dass die Bedingungen, die wir als Kind vorfinden meist nicht ein ganzes Leben lang halten, berücksichtigt unser Gehirn dabei nicht.

Wie bereits erwähnt – wurde in der Gehirnforschung herausgefunden, dass Erkundungserfahrungen, die wir als Kind machen – und in denen unser Körper in Form von Bewegung, Kraft und Koordination einbezogen ist – besonders positive Auswirkungen auf unsere Entwicklung haben. Einen ganz ähnlichen Mechanismus beobachte ich in meiner Arbeit mit meinen Klient*innen: Je mehr eine neue Erfahrung im Körper ist, das heißt, je mehr die Klient*innen eine neue Erfahrung im Körper spüren und die entsprechenden Gefühle fühlen, desto nachhaltiger wirkt die neue Erfahrung. Und desto tiefgreifender verändern sich die Überlebensstrategien, schambasierten Identifikationen sowie Glaubenssätze! Das ist aus gehirnpsychologischer Perspektive der zentrale Grund, warum es in meinem Ansatz so wichtig ist, den Körper und die Gefühle im gegenwärtigen Erleben mit einzubeziehen. Reiner Wille oder mentale Konstruktive helfen nicht weiter.

Fazit: Die Mechanismen der Neuroplastizität sind äußerst komplex und faszinierend. Sie zeigen, dass das Gehirn ein dynamisches Organ ist, das entscheidend für das Lernen und die Gedächtnisbildung zuständig ist. Sie spielt eine wichtige Rolle bei der Anpassung an neue Umgebungen und Situationen.

 

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